"Wir stehen immer am Rand"

Jedes Wochenende das gleiche Bild. Eine Auto-Karawane schlängelt sich frühmorgendlich durch das verschlafene Berlin. An Bord: Die Zukunft des deutschen Fußballs - und besorgte Mütter und Väter.

Samstagmorgen. Während die Anderen schlafen, läuft in einer Wohnung des Hauses schon Videotext. Es ist unsere Wohnung. Ich bin wach. 7 Uhr 30. In zwanzig Minuten muss ich mit meinem Sohn am Sammelpunkt seiner Mannschaft sein. Auswärtsspiel in Wilhelmsruh. Ich kutschiere neben meinem Sohn drei weitere Jungs zum Auswärtsspiel. Typisches Elternschicksal. Wir kennen alle Fußballplätze Berlins. Und werden von den Maulwürfen persönlich mit der Flosse begrüßt. Wir waren schon in jedem Klubheim zu Gast, wir erfassen die Qualität des Kaffees beim ersten Augenkontakt  und erschnüffeln am Bockwurstgeruch, ob die Vereinswirtin zu emotionslos mit unserem Hauptnahrungsmittel umgegangen ist. Wir Eltern von Fußball spielenden Kindern.

Trainiert wird die Jugend von Frank. Einem Urgestein der Trainerzunft, der mit Freundlichkeit und Verständnis wirbt. Ist auch nötig, denn Berolina spielt in der Landesliga gegen den Abstieg, eigentlich eine Liga zu hoch für die Jungs. 7 Uhr 48. Die ersten Eltern treffen ein, mit verschleierten Augen, die Spuren nächtlicher Schlachten sind ihnen ins Antlitz gestanzt. Dann alle ab in die Autos und durchs menschenleere Berlin. Immer schön in Schlachtformation.

Anmutsvoll ist in Wilhelmsruh um uns herum das Geplärr der Vögel zu hören. Umso weiter man nach JWD kommt, umso schöner werden die Fußballplätze. Die Randberliner Vereine brillieren mit preußischem Rasen und Laubenpiepercharme. Wir stellen unsere Autos in eine Reihe und stecken die Hände in die Taschen. Wir tun vor unseren Kinder so, als würde uns das alles überhaupt nicht interessieren. Etwas entfernt stehen die Angehörigen des gastgebenden Vereins. Feindselige Blicke. Unsere Jungs wollen ihnen den Samstag versauen. Ihre Jungs vernichten.

Mit einem exquisiten Rasenplatz kann unser Verein, Blau-Weiß Berolina Mitte Berlin, nicht aufwarten. Unsere Kinder spielen auf Kunstrasen, der schon bessere Tage gesehen hat. Doch immerhin: von der Mittellinie unseres Platzes betrachtet, vergoldet uns ein herrlicher Blick auf den Berliner Telespargel die Augäpfel.

Das Letzte, was einem Fußball beobachtenden Elternteil blüht, ist Entspannung. Am Platz rumstehen ist harte Arbeit und wird von den lieben Kleinen selten belohnt. Ist der kleine Ballfreund bei den Minis aktiv, freut sich der Hosenmatz über Beifall klatschende Mamas die im Chor infantile Fußballsprüche zwitschern. Das ändert sich schnell.

Warum man ab der D-Jugend fast nur noch Väter trifft?!

Es ist immer das Gleiche. Die Väter werden grauer, die Kinder größer. Der erste zarte Flaum bedeckt die Oberlippen der von der Pubertät geplagten Jungs. Schuhgröße 47 droht und  Beziehungsprobleme geraten ins gerade noch kindliche Blickfeld.

Unsere Jugendleitung findet Kinderfußball richtig klasse. Am liebsten ohne Eltern. Sie ist seit zwanzig Jahren dabei und hat zu viel gesehen. Denn wir alle haben nur eines im Sinn: unsere Brut zu hegen und zu pflegen und mit Argusaugen darauf zu achten, dass ihr nichts zustößt. Besonders wenn sie noch klein ist.

Beim Fußballspielen kann es sehr schnell zu Karambolagen und Scharmützeln kommen. Dann schwirren wir schnatternd wie ein Schwarm irrer Drontevögel aus und hacken und zischen, dass es eine Lust ist. Wir bedecken die bös faulende, fremde Brut mit geschmackvollen Bemerkungen aus der Fäkalsprache und schütteln die Fäuste. Ja, es herrscht gelegentlich Remmidemmi auf den Jugendplätzen Deutschlands.

Werden die Jungs größer, stemmen sie sich naturgemäß gegen das Gebrabbel ihre Eltern und erteilen gern mal ein Platzverbot. Besonders besorgte Mütter sind bei Zwölfjährigen nur noch selten am Spielfeldrand zu beobachten. Die Jungs warnen mit Spielabbruch, nichts ist ihnen peinlicher als eine besorgte Mutter. Dieser Horror wird nur noch getoppt von einer positiv anfeuernden Mutter. Die vom Fußball naturgemäß keine Ahnung hat. Die allergrößte aller Peinlichkeiten.

Ab der D-Jugend trifft man fast nur noch Väter. Die Damenfront bröckelt und weicht endlich. Ihr erkennt uns Väter sofort. Wir stehen normalerweise einsam, etwas entfernt vom Spielfeld. Jeder für sich. Wir wissen, unsere Jungs legen auf Bemerkungen welcher Art auch immer keinen Wert. Die Jungs wollen kicken. Wir Väter haben unsere Mützen oder Kapuzen übergezogen. Wir murmeln in unsere Bärte Sätze wie: "Müssen rangehen… Zieh… Zieh…Rechts rüber….Draußen bleiben…Und zum Tor…Da bleibt er wieder stundenlang liegen…Seitenwechsel, Seitenwechsel…Fuß vor…Hintermann…Hau ihn rein…Neinnnnnn."

Jeder Vater hat Angst dass sein Kind verliert. Wir pinkeln uns fast in die Hose. Insgeheim empfinden wir Väter aber Genugtuung, dass wir immer noch dabei sind. Dabeisein ist alles. Es ist uns einfach eine Freude am Rand zu stehen. Es macht uns Laune. Wenn gute Spielzüge gelingen und so.

Gegen Wilhelmsruh begann es in der zweiten Halbzeit zu regnen. Die Gegentore fielen wie reife Früchte. Es zerriss uns das Herz.